Wer ein offenes KI-Modell herunterlädt, bekommt Gewichte, aber keinen Beipackzettel. Welche Haltung im Modell steckt, steht nirgends drauf. Ein neues Experiment zeigt jetzt, wie tief politische Prägung in einem chinesischen Modell sitzt. Die Antwort ist überraschend: gar nicht so tief.
Was passiert ist
Das US-Start-up Nous Research hat Alibabas offenes Modell Qwen3.8-27B nachtrainiert und als Arete-27B veröffentlicht. [1] Verwendet wurde dafür ein vergleichsweise schlichtes Verfahren, ein sogenanntes Supervised Fine-Tuning mit rund 53 Millionen TokenKleiner Textbaustein, in den Sprachmodelle Texte zerlegen; nach Token richten sich Längenlimits und oft auch Kosten.. Das Modell bekam also knapp 29.000 Beispielantworten zu sieben Wertekategorien gezeigt. Gewichte, Trainings- und Testdaten stehen frei zur Verfügung. [1]
Getestet wurde mit 803 Fragen, unter anderem zu Meinungsfreiheit, Staatsideologie, Bildung, Überwachung, Demokratie und Umwelt. Zu jeder Frage gab es zwei bis vier Fakten aus datierten Quellen, etwa Gesetzen, Nachrichten oder Studien. Ein anderes KI-Modell prüfte dann, ob eine Antwort diese Fakten nennt, weglässt oder ihnen widerspricht, und ob sie die offizielle Linie Pekings übernimmt. [1]
Das Ergebnis: Beim Ausgangsmodell enthielten 22 Prozent der Antworten Propaganda, bei Arete-27B noch 0,9 Prozent. Beim Thema Meinungsfreiheit sank der Anteil von 60 auf 1 Prozent. [1] Andere chinesische Modelle liegen laut demselben Test deutlich höher, GLM-5.3 bei 15 und DeepSeek V4.1 Flash bei 16 Prozent. Mistral Large 4 und Googles Gemma 4 kommen auf unter 1 Prozent. [1] Nous selbst fasst das so zusammen: Die Verzerrung werde spät aufgetragen, und zwar dünn. [1]
Eine gute Nachricht mit Kleingedrucktem
Klingt erst mal beruhigend. Wenn sich Propaganda mit überschaubarem Aufwand wegtrainieren lässt, sind offene Modelle aus China vielleicht doch nutzbar. Ganz so einfach ist es aber nicht.
Erstens stammen alle Zahlen von Nous selbst, auch der Test ist selbst entwickelt. [1] Zweitens wurde das Urteil, was Propaganda ist, einem KI-Modell überlassen, nämlich Grok von xAI, das im Bericht selbst als politisch rechts orientiert beschrieben wird. [1] Ein Modell mit eigener Schlagseite prüft also ein anderes Modell auf Schlagseite. Willkommen in der KI-Qualitätssicherung.
Drittens ist Arete kein neutrales Modell, sondern ein anders geprägtes. Nous hat es ausdrücklich in Richtung „westlicher Werte“ trainiert. [1] Das mag vielen sympathischer sein. Es zeigt aber vor allem, dass Werte bei Sprachmodellen Trainingsentscheidungen sind. Das gilt für chinesische Modelle genauso wie für amerikanische oder europäische.
Und es gibt eine unbequeme Kehrseite: Wenn sich eine politische Schicht so leicht entfernen lässt, liegt der Gedanke nahe, dass sie sich auch ebenso leicht auftragen lässt. In jede Richtung.
Was das für die Praxis heißt
Offene Modelle sind für Bibliotheken und Bildungseinrichtungen attraktiv. Sie lassen sich lokal betreiben, Daten bleiben im Haus, und man ist nicht von einem einzelnen Anbieter abhängig. Darüber habe ich zuletzt im Beitrag zu Mistral Large 4 geschrieben. Andere Studien zeigen allerdings, dass das Problem real ist: Laut einer Untersuchung des deutschen KI-Unternehmens Aleph Alpha waren bei 967 sensiblen Fragen nur 17 bis 41 Prozent der Antworten chinesischer Modelle ausgewogen. [1]
Daraus folgt nicht, chinesische Modelle grundsätzlich zu meiden, sondern genauer hinzuschauen. Ein paar Fragen helfen dabei:
- Woher stammt das Modell, und auf welchem Basismodell baut es auf? Viele Modelle sind Weiterentwicklungen anderer Modelle.
- Wurde es für politisch sensible Fragen getestet, und von wem?
- Was passiert, wenn ich selbst ein paar heikle Fragen stelle, bevor ich das Modell im Haus einsetze?
- Und wo ist ein Sprachmodell ohnehin die falsche Quelle, weil eine Enzyklopädie, ein Fachartikel oder eine Zeitung die bessere Antwort liefern?
Für die InformationskompetenzFähigkeit, Informationen gezielt zu suchen, kritisch zu bewerten und verantwortungsvoll zu nutzen. ist das eigentlich ein klassisches Thema im neuen Gewand. Bei Zeitungen fragen wir nach Herausgeber und Haltung. Bei Sprachmodellen sollten wir das auch tun.
Neutral ist kein Modell. Die Frage ist nur, wer welche Haltung eingebaut hat, und ob man es merkt.
Stand: 7. November 2026. Anlass ist die Veröffentlichung des Modells Arete-27B durch Nous Research.
Quellen
- The Decoder: State propaganda in some Chinese AI models is only a thin layer that fine-tuning can strip away (7. November 2026): the-decoder.com