Künstliche Intelligenz hat offenbar ein Imageproblem. Zumindest aus Sicht von US-Präsident Donald Trump klingt das Wort „artificial“ zu sehr nach etwas Unechtem. Bei seiner Rede vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen kündigte er deshalb eine sprachliche Beförderung an: Aus Artificial Intelligence, kurz AI, soll in den USA künftig Superintelligence, kurz SI, werden.
Das klingt nach einer Mischung aus technologischem Neustart, neuer Produktverpackung und dem Versuch, zwei Buchstaben etwas mehr Glanz zu verleihen. Die Leistungsfähigkeit der Systeme verändert sich durch die Umbenennung allerdings nicht. Auch Halluzinationen, diskriminierende Ergebnisse, Sicherheitslücken und gesellschaftliche Machtfragen lassen sich nicht gemeinsam mit dem alten Namen entsorgen.
Trump verband den Begriff mit einer klaren politischen Botschaft. Wer bei der Entwicklung von KI – oder nun eben „SI“ – gewinne, gewinne insgesamt. Die USA lägen vor China und sollten diesen Vorsprung nicht durch zu viele Regeln gefährden. Warnungen vor möglichen KI-Risiken stellte er in eine Reihe mit politischen Positionen, die er als Täuschung oder Panikmache ablehnt.
Damit wird aus einer komplexen Debatte über Chancen, Risiken und Regeln ein vergleichsweise einfacher Wettkampf: Wer bremst, verliert. Wer Zweifel äußert, steht dem Fortschritt im Weg. Und wer einen neuen Namen vergibt, darf zumindest kurz so tun, als beginne damit auch eine neue technische Epoche.
Superintelligenz ist eigentlich etwas anderes
Der Begriff „Superintelligenz“ wurde nicht erst in dieser Rede erfunden. In der Forschung und in Zukunftsszenarien bezeichnet er üblicherweise ein hypothetisches System, das die menschlichen Fähigkeiten in nahezu allen wichtigen geistigen Bereichen deutlich übertrifft.
Die heute verfügbaren generativen KI-Modelle können beeindruckende Texte, Bilder, Audiodateien oder Programmcode erzeugen. Sie sind deshalb aber nicht automatisch superintelligent. Ihre Leistungen sind ungleich verteilt, ihre Ergebnisse bleiben fehleranfällig und ihre scheinbar souveränen Antworten können darüber hinwegtäuschen, dass sie weder ein menschliches Verständnis der Welt noch ein eigenes Verantwortungsbewusstsein besitzen.
Der Internationale KI-Sicherheitsbericht 2026 beschreibt erhebliche Fortschritte, zugleich aber weiterhin deutliche Grenzen bei Zuverlässigkeit und längeren, komplexen Aufgaben. Selbst leistungsfähige KI-Agenten können den Überblick verlieren, unerwartete Eingaben falsch behandeln oder an vergleichsweise einfachen Hindernissen scheitern.
Aktuelle KI-Systeme pauschal als Superintelligenz zu bezeichnen, ist deshalb keine neutrale sprachliche Modernisierung. Der Begriff verschiebt die Wahrnehmung: Aus einem leistungsfähigen, aber begrenzten technischen System wird sprachlich eine überlegene Instanz. Das kann Erwartungen steigern und gleichzeitig die kritische Prüfung seiner Ergebnisse erschweren.
Sicherheitsfragen sind keine Glaubensfrage
Trump räumte in seiner Rede zwar ein, dass jede neue Technologie Herausforderungen mit sich bringe. Warnungen vor weitreichenden KI-Risiken stellte er jedoch vor allem als politisch motivierte Übertreibung dar.
Das greift zu kurz. Unter dem Begriff KI-Sicherheit werden sehr unterschiedliche Fragen diskutiert. Manche betreffen schwer vorhersehbare Zukunftsszenarien, andere sind bereits heute konkret beobachtbar: erfundene Informationen, automatisierte Diskriminierung, Datenschutzprobleme, Betrug, Desinformation, Cyberangriffe oder Systeme, die bei selbstständig ausgeführten Aufgaben unerwartete Handlungen vornehmen.
Über die Wahrscheinlichkeit besonders drastischer Zukunftsrisiken gibt es auch in der Forschung unterschiedliche Einschätzungen. Daraus folgt jedoch nicht, dass die gesamte Sicherheitsdebatte bedeutungslos wäre. Wissenschaftliche Unsicherheit ist kein Beleg dafür, dass ein Risiko nicht existiert. Sie bedeutet zunächst, dass Aussagen geprüft, Erkenntnisse aktualisiert und Entscheidungen unter Unsicherheit getroffen werden müssen.
Genau dafür sind unabhängige Forschung, nachvollziehbare Prüfverfahren und öffentliche Auseinandersetzung notwendig. Der Internationale KI-Sicherheitsbericht soll eine gemeinsame wissenschaftliche Grundlage schaffen, ohne vorzugeben, alle Fragen bereits abschließend beantworten zu können.
Auch die Vereinten Nationen verfolgen mit ihrem Globalen Dialog zur KI-Governance einen anderen Ansatz als einen bloßen Wettlauf zwischen Staaten. Regierungen, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und weitere Beteiligte sollen gemeinsam über Regeln, Erfahrungen und gesellschaftliche Folgen beraten. Dahinter steht die Erkenntnis, dass KI-Systeme zwar überwiegend von wenigen Unternehmen und Staaten entwickelt werden, ihre Auswirkungen aber nicht an Landesgrenzen enden.
Sprache entscheidet mit, wie wir Technik beurteilen
Politische Begriffe beschreiben Technik nicht nur. Sie geben auch vor, wie über sie gesprochen werden soll.
„Künstliche Intelligenz“ ist bereits ein missverständlicher Ausdruck, weil er sehr unterschiedliche Verfahren unter einem einzigen Begriff zusammenfasst und menschliche Eigenschaften nahelegt. „Superintelligenz“ verstärkt diese Wirkung noch einmal. Das Wort vermittelt Überlegenheit, Eigenständigkeit und beinahe zwangsläufigen Fortschritt.
Wer ein System als superintelligent bezeichnet, wird seine Antworten womöglich weniger kritisch hinterfragen. Fehler erscheinen dann nicht mehr als typische Grenzen statistischer Modelle, sondern als ungewöhnliche Ausnahmen einer ansonsten überlegenen Technik. Zugleich kann der Begriff Unternehmen und Regierungen dabei helfen, wirtschaftliche oder politische Interessen als unausweichlichen technologischen Fortschritt darzustellen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob „SI“ moderner oder eindrucksvoller klingt als „KI“. Entscheidend ist, welche Vorstellungen mit dem Begriff erzeugt werden und wem diese Vorstellungen nutzen.
Fortschritt ist mehr als ein Technikwettlauf
Die Aussage, dass den globalen Wettbewerb gewinnt, wer bei KI führt, macht aus zahlreichen politischen Entscheidungen ein einziges Rennen. Datenschutz, Urheberrecht, Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen und demokratische Kontrolle erscheinen in dieser Logik schnell als störende Hindernisse.
Dabei ist keineswegs eindeutig, was technologische Führung bedeutet. Sind die größten Modelle und Rechenzentren entscheidend – oder auch die Fähigkeit einer Gesellschaft, Technik nachvollziehbar, sicher und gerecht einzusetzen?
Die Gegenüberstellung von Innovation und Regulierung führt deshalb in die Irre. Regeln können Vertrauen schaffen, Schäden begrenzen und einen verantwortlichen Einsatz gerade dort ermöglichen, wo Verlässlichkeit besonders wichtig ist.
Für die Demokratiebildung ist Trumps Rede zugleich ein anschauliches Beispiel für politisches Framing. Aus einer offenen Diskussion über Nutzen, Risiken und Verantwortung wird eine scheinbar einfache Entscheidung zwischen Fortschritt und Angst. Informationskompetenz bedeutet hier nicht nur, einzelne Fakten zu prüfen. Ebenso wichtig ist die Frage, welche Begriffe verwendet, welche Alternativen ausgeblendet und welche Interessen mit einer Aussage verbunden werden.
Was Bibliotheken beitragen können
Öffentliche und wissenschaftliche Bibliotheken können dazu beitragen, technische Begriffe, Forschungsergebnisse und politische Erzählungen voneinander zu unterscheiden. Sie bieten Zugang zu belastbaren Quellen und schaffen Orientierung, ohne KI pauschal zu feiern oder abzulehnen.
Dabei geht es nicht darum, jede politische Rede zum Gegenstand einer eigenen Veranstaltung zu machen. Wichtiger ist eine verlässliche Informationsumgebung, in der Begriffe erklärt, Quellen sichtbar und widersprüchliche Behauptungen vergleichbar werden.
Die Umbenennung von KI in „Superintelligenz“ zeigt jedenfalls sehr deutlich, dass technisches Verständnis und politische Bildung zusammengehören. Zwei neue Buchstaben machen ein System weder zuverlässiger noch transparenter. Sie können aber beeinflussen, wie wir darüber denken.
Vielleicht klingt Superintelligenz tatsächlich eindrucksvoller. Für eine demokratische Gesellschaft ist jedoch etwas anderes wichtiger: Menschen müssen verstehen können, was die Systeme leisten, wo ihre Grenzen liegen und wer über ihren Einsatz entscheidet.
Das ist möglicherweise die weniger spektakuläre, aber sinnvollere Form von Intelligenz.
Quellen
- Reuters: „Trump at UN: Threats, diplomacy and ‘super intelligence’“, 22. September 2026
- Roll Call/Factbase: Transkript der Rede Donald Trumps vor der 81. Generalversammlung der Vereinten Nationen, 22. September 2026
- International AI Safety Report 2026
- United Nations: Global Dialogue on AI Governance
- United Nations: Independent International Scientific Panel on AI – Preliminary Report