Eine finnische Befragung zeigt, wie selbstverständlich KI zum Alltag vieler junger Menschen gehört. Für die Medienbildung stellt sich damit eine ziemlich praktische Frage: Wie lässt sich ein reflektierter Umgang unterstützen, während die Nutzung längst läuft?
Während Erwachsene noch klären, welchen Platz KI im Alltag von Kindern und Jugendlichen haben soll, wird sie bereits ausprobiert. Für Hausaufgaben, für Fragen zwischendurch, zum Bildermachen. Die pädagogische Grundsatzdiskussion findet damit teilweise schon im laufenden Betrieb statt. Das kennen wir aus der Mediengeschichte. Es macht die Sache allerdings selten übersichtlicher.
Eine am 22. Oktober veröffentlichte finnische Befragung liefert dazu Zahlen: 78 Prozent der 1.067 befragten Elf- bis 17-Jährigen geben an, KI zu nutzen. Erhoben wurden die Angaben im September 2026 über ein Onlinepanel. Hinter der Untersuchung stehen die Kinderstiftung Itla, die Organisation Digirauha und das Forschungsinstitut E2 Research.
Die Untersuchung bezieht sich auf Finnland. Ihre Zahlen lassen sich nicht einfach auf Deutschland übertragen. Zudem umfasst „KI“ hier auch Funktionen in Suchmaschinen, sozialen Netzwerken und Smartphones. Nicht jede Nutzung beginnt also mit dem bewussten Entschluss, einen ChatbotSoftware, die schriftliche oder gesprochene Dialoge mit Menschen führt. zu öffnen.
Der Blick nach Deutschland
Wer sich mit dem Medienalltag Jugendlicher beschäftigt, sollte die JIM-Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest (mpfs) kennen. Die Studienreihe „Jugend, Information, Medien“ untersucht seit 1998 jährlich den Medienumgang der Zwölf- bis 19-Jährigen in Deutschland. Für Schulen, Bibliotheken, Jugendarbeit und interessierte Eltern bietet sie eine gute Grundlage, um Entwicklungen einzuordnen, statt das eigene Umfeld gleich zur repräsentativen Stichprobe zu erklären.
Bereits die JIM-Studie 2025 zeigt, wie verbreitet KI hierzulande ist: 91 Prozent der 1.200 befragten Zwölf- bis 19-Jährigen geben an, mindestens eine KI-Anwendung zu nutzen. Von den Jugendlichen mit KI-Erfahrung nennen 74 Prozent Hausaufgaben oder Lernen als Nutzungsgrund, 70 Prozent die Informationssuche. Diese beiden Werte beziehen sich also auf die KI-Nutzenden. 57 Prozent aller Befragten halten die von KI aufbereiteten Informationen voll und ganz oder weitgehend für vertrauenswürdig. Damit ist die Frage nach der Prüfung solcher Antworten auch für die pädagogische Praxis in Deutschland sehr konkret.
Auf die JIM-Studie 2026 warten wir deshalb mit Spannung. Ihre Vorstellung ist für den 13. November angekündigt. Von ihr erwarten wir weitere Zahlen zur KI-Nutzung direkt aus Deutschland. Für Vergleiche mit Finnland bleiben allerdings die unterschiedlichen Altersgruppen, Erhebungszeitpunkte und Fragestellungen zu beachten.
Ausprobieren gehört zum Lernen. Prüfen auch.
In der finnischen Befragung nutzen 67 Prozent der Befragten KI zur Informationssuche, 47 Prozent als Hilfe bei Schulaufgaben. Das sagt zunächst etwas über ihre Tätigkeiten. Ob sie Antworten sorgfältig prüfen oder Aufgaben weitgehend abgeben, lässt sich daraus nicht ablesen.
Gerade deshalb lohnt es sich, genauer nachzufragen: Wie wurde die KI eingesetzt? Was hat geholfen? Wo wurde es schwierig? Wer sich eine Erklärung geben lässt und anschließend selbst weiterarbeitet, nutzt das Werkzeug anders als jemand, der eine fertige Antwort übernimmt. Auf dem Bildschirm können beide Ergebnisse zunächst ähnlich ordentlich aussehen.
Eine sinnvolle Übung wäre deshalb, eine KI-Antwort gemeinsam zu untersuchen. Welche Aussagen lassen sich belegen? Existieren die genannten Quellen? Was fehlt? Anschließend wird der Text verbessert und begründet, warum. So wird die Prüfung selbst zum Lerngegenstand. Ein sauber formulierter Absatz bekommt seinen Vertrauensvorschuss schließlich auch bei Menschen gelegentlich zu Unrecht.
Die Erwachsenen sind durchaus schon dabei
Die finnische Befragung liefert keinen Beleg dafür, dass Jugendliche mit KI weitgehend alleingelassen werden: Jeweils 56 Prozent nennen eigenes Ausprobieren und Lehrkräfte als Informationsquelle. Unterricht und selbstständige Erkundung stehen also nebeneinander.
Daran lässt sich anknüpfen. Erwachsene müssen dafür nicht jede neue Anwendung zuerst vollständig beherrschen. Hilfreich sind gemeinsame Fragen, nachvollziehbare Regeln und die Bereitschaft, Unsicherheit zuzugeben. „Das weiß ich gerade auch nicht, lass es uns überprüfen“ ist pädagogisch durchaus vorzeigbar.
Dabei sollte das Erkennen künstlich erzeugter Bilder und Videos nicht zur einzigen Prüfaufgabe werden. Die Befragung erfasst hierzu Selbsteinschätzungen, keine getesteten Fähigkeiten. Für die Praxis ist ohnehin entscheidend, Herkunft, Zusammenhang und Belege eines Inhalts untersuchen zu können – auch dann, wenn seine Herstellung unklar bleibt.
Begleitung braucht Räume und Verantwortung
Für Bibliotheken, Schulen und die Jugendarbeit wäre ein naheliegender Ansatz, vorhandene Angebote zu ergänzen: Bei der Recherche wird eine KI-Antwort mit anderen Quellen verglichen. In der Schreibwerkstatt werden Vorschläge diskutiert und verändert. Beim kreativen Experimentieren wird besprochen, welche persönlichen Informationen überhaupt in eine Anwendung gehören.
Solche Angebote sollten Raum für unterschiedliche Erfahrungen lassen. Manche Jugendlichen probieren begeistert aus, andere stehen KI skeptisch gegenüber oder möchten sie bewusst nicht nutzen. Medienbildung sollte diese Entscheidung ermöglichen. Eine Veranstaltung verliert wenig, wenn dieselbe Aufgabe auch ohne eigenes KI-Konto bearbeitet werden kann.
Gleichzeitig darf die Verantwortung nicht vollständig bei jungen Menschen und ihren pädagogischen Begleitpersonen landen. Wenn Unternehmen KI in alltägliche Anwendungen einbauen, müssen sie verständlich machen, wann sie eingesetzt wird, welche Daten verarbeitet werden und wo ihre Grenzen liegen. Von Jugendlichen kritisches Urteilsvermögen zu verlangen, ist sinnvoll. Undurchsichtige Produkte werden dadurch noch lange nicht transparent.
Die finnische Befragung bietet einen konkreten Anlass, vorhandene Praxis ernst zu nehmen und weiterzuentwickeln. Ein guter Gesprächseinstieg wäre: „Zeig mir mal, wie du das benutzt.“ Daraus kann mehr entstehen als aus der nächsten allgemeinen Warnung vor der Zukunft.
Quellen
- Itla: Mitteilung zur Befragung, 22. Oktober 2026
- E2 Research / Itla / Digirauha: Kysely lapsille ja nuorille tekoälyn käytöstä, vollständiger Bericht (PDF, Finnisch)
- mpfs: Übersicht zur JIM-Studienreihe
- mpfs: JIM-Studie 2025, insbesondere Kapitel 13, S. 61–64: vollständiger Bericht (PDF)
- GMK: Programm zur Veröffentlichung der JIM-Studie 2026 am 13. November