Am 22. und 23. September 2026 ist in Brüssel die European Literacy Coalition gestartet. Die neue europäische Initiative will bestehende Projekte miteinander verbinden, den Austausch zwischen Organisationen fördern und die Bildungsarbeit in Europa stärken. Grundlage ist das sogenannte Warschauer Memorandum, das Literacy als öffentliches Gut und gemeinsame gesellschaftliche Verantwortung versteht.
Mit „Literacy“ ist dabei deutlich mehr gemeint als Lesen und Schreiben. Der Begriff umfasst auch die Fähigkeit, Informationen zu verstehen, einzuordnen und verantwortungsvoll zu nutzen. Dazu gehören heute der Umgang mit digitalen Medien, Desinformation und einer zunehmend von Künstlicher Intelligenz geprägten Informationsumgebung.
Die Gründung der Koalition ist deshalb auch für Bibliotheken relevant. Sie berührt gleich mehrere ihrer zentralen Aufgaben: Leseförderung, Informationskompetenz, Medienbildung, gesellschaftliche Teilhabe und Demokratiebildung.
Literacy ist mehr als Lesen und Schreiben
Lesen und Schreiben bleiben die Grundlage gesellschaftlicher Teilhabe. Wer Texte nicht sicher erfassen kann, stößt im Alltag schnell auf Hürden – bei Behörden, im Beruf, im Gesundheitswesen oder bei politischen Informationen.
In einer digitalen Gesellschaft reicht die technische Fähigkeit zu lesen jedoch nicht mehr aus. Menschen müssen außerdem erkennen können, wer eine Information veröffentlicht hat, welche Interessen dahinterstehen und ob eine Behauptung belegt ist. Sie müssen zwischen journalistischen Beiträgen, Werbung, Meinungsäußerungen und gezielter Manipulation unterscheiden können.
Die European Literacy Coalition greift dieses erweiterte Verständnis auf. Nach Angaben der Europäischen Kommission beschäftigt sie sich ausdrücklich damit, wie Menschen Informationen in einer digitalen Welt begegnen. Dazu zählen auch Fehl- und Desinformation, Aufmerksamkeit und digitales Wohlbefinden.
Damit rücken Bereiche zusammen, die in der Praxis noch häufig getrennt behandelt werden: Leseförderung, Medienkompetenz und Informationskompetenz sind keine voneinander unabhängigen Aufgaben. Sie bauen aufeinander auf.
Künstliche Intelligenz verschärft die Herausforderung
Generative KIKI, die auf Grundlage gelernter Muster neue Inhalte wie Texte, Bilder, Audio oder Code erzeugt. macht den Zugang zu Informationen zunächst einfacher. Chatbots können Texte zusammenfassen, komplizierte Sachverhalte erklären und sprachliche Barrieren reduzieren. Das kann Teilhabe ermöglichen – insbesondere für Menschen, denen klassische Informationsangebote schwer zugänglich sind.
Gleichzeitig erzeugen diese Systeme Antworten, die sprachlich überzeugend wirken, ohne zwangsläufig richtig oder vollständig zu sein. Quellen können fehlen, unpassend sein oder erfunden werden. Mit KI erzeugte Bilder, Videos und Stimmen erschweren zusätzlich die Einschätzung, ob ein Inhalt ein reales Ereignis dokumentiert.
Die entscheidende Kompetenz besteht deshalb nicht mehr allein darin, Informationen zu finden. Menschen müssen auch beurteilen können, wie eine Antwort entstanden ist, worauf sie sich stützt und an welcher Stelle eine Überprüfung notwendig wird.
Das verändert ebenfalls die Bedeutung des Lesens. Wer einen flüssig geschriebenen Text versteht, hat noch nicht automatisch erkannt, ob dessen Aussagen verlässlich sind. KI-Verständnis und Informationskompetenz werden damit zu Bestandteilen einer zeitgemäßen Literacy.
Literacy ist auch Demokratiebildung
Demokratische Beteiligung setzt voraus, dass Menschen Informationen nicht nur erhalten, sondern auch bewerten können. Politische Entscheidungen, öffentliche Debatten und gesellschaftliche Konflikte werden zunehmend über digitale Plattformen vermittelt. Dort konkurrieren überprüfbare Informationen mit verkürzten Darstellungen, emotionalisierenden Botschaften und gezielter Desinformation.
Wer Herkunft und Qualität von Informationen nicht einschätzen kann, ist leichter manipulierbar. Das betrifft nicht nur spektakuläre Fälschungen. Auch einseitige Auswahl, aus dem Zusammenhang gelöste Aussagen oder häufig wiederholte Behauptungen können die Wahrnehmung gesellschaftlicher Wirklichkeit beeinflussen.
Demokratiebildung darf sich deshalb nicht auf das Erklären politischer Institutionen beschränken. Sie muss auch vermitteln, wie Öffentlichkeit entsteht, wie Plattformen Aufmerksamkeit verteilen und weshalb vertrauenswürdige Quellen trotzdem kritisch geprüft werden sollten.
Das bedeutet nicht, Menschen vorzuschreiben, welchen Medien oder politischen Positionen sie vertrauen sollen. Ziel ist vielmehr, ihnen die Fähigkeiten zu geben, selbst begründete Urteile zu treffen.
Bibliotheken gehören in diese Koalition
Die European Literacy Coalition richtet sich unter anderem an Bildungseinrichtungen, Leseförderung, Forschung, Medien, Zivilgesellschaft sowie ausdrücklich an Bibliothekarinnen und Bibliothekare. Das ist folgerichtig, denn Bibliotheken verbinden viele der angesprochenen Bereiche bereits heute.
Öffentliche Bibliotheken erreichen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen, Bildungsbiografien und sozialer Hintergründe. Sie ermöglichen einen vergleichsweise niedrigschwelligen Zugang zu Medien, Technik und vertrauenswürdigen Informationsangeboten. Wissenschaftliche Bibliotheken unterstützen Studierende und Forschende dabei, Quellen zu recherchieren, zu bewerten und korrekt zu verwenden.
Ihre Rolle sollte sich allerdings nicht darauf beschränken, Räume für Projekte anderer Akteure bereitzustellen. Bibliotheken verfügen über eigene fachliche Erfahrungen im Umgang mit Quellen, Suchsystemen, Datenbanken und unterschiedlichen Formen von Öffentlichkeit. Diese Perspektive gehört in die inhaltliche Ausgestaltung einer europäischen Literacy-Strategie.
Gerade bei KI-Systemen können Bibliotheken dazu beitragen, Zugang und Kritik miteinander zu verbinden. Sie müssen neue Technik weder grundsätzlich ablehnen noch unkritisch bewerben. Ihre Stärke liegt darin, Menschen zu einem selbstständigen und informierten Umgang mit Informationen zu befähigen.
Eine vielversprechende Initiative mit offenen Fragen
Die breite Ausrichtung der Koalition ist eine Stärke. Literacy betrifft schließlich nicht nur Schulen oder einzelne Lebensphasen. Die Fähigkeit, sich in einer veränderten Informationswelt zu orientieren, muss ein Leben lang weiterentwickelt werden.
Entscheidend wird nun sein, was aus dem gemeinsamen Anspruch entsteht. Bleibt es bei Vernetzung und grundsätzlichen Erklärungen oder folgen daraus konkrete Angebote, Materialien und dauerhafte Strukturen? Werden kleinere Einrichtungen und lokale Initiativen beteiligt? Und erhält die Informationskompetenz tatsächlich denselben Stellenwert wie die klassische Leseförderung?
Für Bibliotheken bietet die Koalition die Chance, ihre gesellschaftliche Bedeutung deutlicher sichtbar zu machen. Sie sind nicht nur Orte, an denen Bücher und Datenbanken bereitstehen. Sie können Menschen dabei unterstützen, Informationen zu verstehen, Technik einzuordnen und an demokratischer Öffentlichkeit teilzunehmen.
Die European Literacy Coalition ist deshalb ein begrüßenswerter Schritt – sofern es ihr gelingt, die verschiedenen Kompetenzbereiche nicht nur unter einem neuen Begriff zu versammeln, sondern dauerhaft miteinander zu verbinden.