Der Dokumentarfilmer Alex Gibney hat bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig eine umfangreiche Dokumentation über Elon Musk vorgestellt. Der Film trägt den schlichten Titel „Musk“ und beschäftigt sich unter anderem mit dem politischen und wirtschaftlichen Einfluss des Unternehmers.
Elon Musk selbst hatte ein Interview für die Dokumentation abgelehnt. Gibney entschied sich daraufhin für eine ungewöhnliche Lösung: Im Film tritt eine digital erzeugte Version von Musk auf. Der sogenannte CGI-Avatar (eine am Computer erstellte Darstellung einer Person) verfügt über eine KI-synchronisierte Stimme und antwortet mit Aussagen, die Musk nach Angaben des Filmemachers tatsächlich zuvor gemacht hat. Der Einsatz der künstlichen Figur sei außerdem vorab juristisch geprüft worden.
Damit entsteht eine zunächst irritierende Situation: Die dargestellte Person ist künstlich, ihre Aussagen sollen jedoch echt sein. Der Avatar sagt demnach nichts, was Musk nicht irgendwann selbst geäußert hat. Trotzdem hat das gezeigte Gespräch in dieser Form nie stattgefunden.
Echte Aussagen ergeben nicht automatisch ein echtes Interview
Dokumentarfilme arbeiten grundsätzlich mit Auswahl und Inszenierung. Interviews werden gekürzt, Aussagen angeordnet, Bilder ergänzt und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden. Dadurch entsteht immer eine bestimmte Erzählung.
Beim Einsatz eines KI-Avatars kommt eine weitere Ebene hinzu. Die ursprünglichen Aussagen werden nicht nur ausgewählt und neu zusammengestellt, sondern einer digitalen Figur in den Mund gelegt. Stimme, Mimik und Gesprächssituation können den Eindruck erwecken, die Person habe unmittelbar auf die gestellten Fragen reagiert.
Genau das ist hier jedoch nicht geschehen. Der Filmemacher entscheidet, welche frühere Aussage als Antwort auf welche neue Frage erscheint. Selbst wenn jedes verwendete Zitat korrekt wiedergegeben wird, entsteht daraus ein künstlich konstruiertes Gespräch.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur, ob die einzelnen Aussagen echt sind. Ebenso wichtig ist, aus welchem ursprünglichen Zusammenhang sie stammen und wie sie für die neue Darstellung zusammengestellt wurden. Eine Aussage aus einem Interview, einer Pressekonferenz oder einem Beitrag in sozialen Medien kann in einer neuen Gesprächssituation eine andere Wirkung entfalten.
Authentizität hat mehrere Ebenen
Das Beispiel zeigt, dass die bisher häufig verwendete Unterscheidung zwischen „echt“ und „gefälscht“ bei synthetischen Medien nicht immer ausreicht. Synthetische Medien (mit digitaler oder künstlicher Unterstützung erzeugte Bilder, Stimmen oder Videos) können aus authentischem Material bestehen und trotzdem eine Situation darstellen, die nie stattgefunden hat.
Der Musk-Avatar ist damit kein klassischer Deepfake, bei dem einer Person vollständig erfundene Aussagen zugeschrieben werden. Trotzdem handelt es sich auch nicht um ein gewöhnliches Interview. Die Darstellung bewegt sich in einem Zwischenbereich: Die Zitate sollen echt sein, ihre Zuordnung zu den Fragen und ihre Präsentation durch die künstliche Figur sind jedoch eine redaktionelle Konstruktion.
Eine transparente Kennzeichnung ist deshalb besonders wichtig. Das Publikum muss erkennen können, dass hier keine tatsächliche Interviewsituation gezeigt wird. Ohne einen solchen Hinweis könnte der Eindruck entstehen, Musk habe die Fragen des Filmemachers gehört und genau darauf geantwortet.
Ein anschaulicher Fall für Bibliotheken
Für Bibliotheken ist dieser Fall vor allem aus der Perspektive der Informations- und Medienkompetenz interessant. Bei der Bewertung von Quellen genügt es zunehmend nicht mehr, nur einzelne Bilder, Stimmen oder Zitate auf ihre Echtheit zu prüfen. Auch die Zusammenstellung und der dargestellte Kontext müssen berücksichtigt werden.
Gerade in Veranstaltungen zu KI, Desinformation oder Quellenkritik lässt sich an diesem Beispiel zeigen, wie komplex synthetische Inhalte inzwischen sein können. Ein Video muss nicht vollständig gefälscht sein, um einen irreführenden Eindruck zu erzeugen. Umgekehrt ist der Einsatz eines KI-Avatars auch nicht automatisch manipulativ, wenn die künstliche Darstellung eindeutig gekennzeichnet und ihre Entstehung nachvollziehbar erklärt wird.
Die Beurteilung hängt daher stark davon ab, wie transparent mit der Inszenierung umgegangen wird. Wird deutlich, woher die verwendeten Aussagen stammen? Ist erkennbar, dass die Person nicht auf die gezeigten Fragen reagiert hat? Und können Zuschauerinnen und Zuschauer zwischen dem ursprünglichen Zitat und seiner neuen Verwendung unterscheiden?
Hier zeigt sich eine wichtige Entwicklung für die Informationskompetenz: Künftig muss nicht nur die Echtheit einzelner Bestandteile geprüft werden. Ebenso entscheidend ist die Frage, ob die dargestellte Situation authentisch ist.
Die neue Macht der Montage
Filmemacherinnen und Filmemacher konnten Aussagen schon immer durch Schnitt und Montage in neue Zusammenhänge setzen. KI macht diese Inszenierung jedoch erheblich überzeugender. Statt eines eingeblendeten Zitats kann nun eine täuschend echte Figur auftreten, sprechen und scheinbar auf Fragen reagieren.
Dadurch wächst die Verantwortung der Produzierenden. Gleichzeitig benötigt das Publikum ein besseres Verständnis dafür, wie solche Darstellungen entstehen. Bibliotheken können dabei helfen, diese neuen Formen der medialen Inszenierung verständlich zu machen, ohne jede KI-Nutzung grundsätzlich als Täuschung zu behandeln.
Der Fall zeigt vor allem eines: Eine authentische Stimme, ein korrektes Zitat und ein bekanntes Gesicht ergeben noch lange kein authentisches Gespräch.
Quellen
- Golem.de: „Dokumentation zeigt Musk als Fallstudie über Machtmissbrauch“, 9. September 2026
- La Biennale di Venezia: Informationen zur Dokumentation „Musk“