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KI-Gesichtserkennung im öffentlichen Raum: Was Open Libraries daraus lernen können

September 9, 2026Von kontakt@andreaslanger.net

In Großbritannien wird KI-gestützte Gesichtserkennung zunehmend auch im Einzelhandel eingesetzt. Kameras erfassen dabei biometrische Merkmale (messbare körperliche Eigenschaften, anhand derer Menschen identifiziert werden können). Die Aufnahmen werden anschließend automatisiert mit Einträgen in privaten Datenbanken verglichen.

Nach einem aktuellen Bericht von Golem können entsprechende Systeme bei einer Übereinstimmung nicht nur das Personal, sondern innerhalb weniger Sekunden auch die Polizei informieren. Damit entwickelt sich eine gewöhnliche Videoüberwachung zu einem System, das Menschen automatisiert identifizieren und mit gespeicherten Informationen verknüpfen kann.

Eine solche Gesichtserkennung unterscheidet sich deutlich von klassischen Überwachungskameras. Diese zeichnen zunächst Bilder auf, die bei einem konkreten Vorfall nachträglich ausgewertet werden können. Biometrische Gesichtserkennung analysiert dagegen jedes erfasste Gesicht und versucht unmittelbar, eine Person wiederzuerkennen.

Dabei entstehen wichtige Fragen: Wer entscheidet, weshalb ein Mensch in eine Datenbank aufgenommen wird? Wie zuverlässig arbeitet die Erkennung? Wie können falsche Zuordnungen korrigiert werden? Und unter welchen Voraussetzungen dürfen privat erhobene Daten an staatliche Stellen übermittelt werden?

Die Systeme arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten. Eine von der Technik gemeldete Übereinstimmung ist deshalb noch kein Beweis dafür, dass eine Person korrekt identifiziert wurde oder etwas Unrechtmäßiges getan hat.

Für Deutschland lässt sich das britische Beispiel rechtlich nicht unmittelbar übertragen. Es zeigt aber, welche Risiken entstehen, wenn Kameras, KI-Systeme, private Datenbanken und polizeiliche Prozesse miteinander verbunden werden.

Bibliotheksbezug

Bibliotheken verstehen sich als offene Orte, die einen niedrigschwelligen Zugang zu Informationen, Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe ermöglichen. Menschen sollen sich dort informieren können, ohne dass ihre Interessen, ihre Medienauswahl oder ihr Verhalten unnötig beobachtet werden.

Eine umfassende Überwachung kann dieses Gefühl der Offenheit beeinträchtigen. Besonders relevant ist der sogenannte Chilling Effect (eine abschreckende Wirkung, durch die Menschen ihr Verhalten aus Angst vor Beobachtung verändern). Menschen könnten bestimmte Medien, Veranstaltungen oder Informationsangebote meiden, wenn sie davon ausgehen, dabei identifiziert oder dauerhaft erfasst zu werden.

Die International Federation of Library Associations and Institutions, kurz IFLA, weist darauf hin, dass Bibliotheken die Privatsphäre ihrer Nutzerinnen und Nutzer schützen und eine unverhältnismäßige Überwachung ihres Informationsverhaltens vermeiden sollten.

Die besondere Situation von Open Libraries

Eine besondere Herausforderung ergibt sich für Open Libraries (Bibliotheken, die zeitweise ohne anwesendes Personal geöffnet sind). Sie bieten beispielsweise am frühen Morgen, am Abend oder am Wochenende Zugang zu Medien, Arbeitsplätzen und Aufenthaltsräumen.

Damit schaffen Open Libraries einen zeitlich flexiblen Zugang zu einem nichtkommerziellen Raum. Gleichzeitig müssen Gebäude, technische Ausstattung, Medienbestand und anwesende Personen während der personalfreien Zeiten geschützt werden. Kameras gehören deshalb bei vielen Open-Library-Konzepten zum Sicherheitskonzept.

Dabei muss jedoch zwischen einer begrenzten Videoaufzeichnung und einer automatisierten biometrischen Überwachung unterschieden werden. Eine Kamera, deren Aufnahmen nur bei einem konkreten Vorfall durch berechtigte Personen ausgewertet werden, greift anders in die Privatsphäre ein als ein KI-System, das alle Gesichter analysiert oder Bewegungsprofile erstellt.

Vor dem Einsatz sollten Bibliotheken deshalb prüfen:

Auch eine Verknüpfung von Zutrittsdaten und Kameraaufnahmen ist kritisch zu betrachten. Wird der Bibliotheksausweis beim Betreten registriert, kann möglicherweise nachvollzogen werden, wer sich zu welcher Zeit in der Bibliothek aufgehalten hat. Zusammen mit Ausleihdaten könnte daraus ein detailliertes Bild des Informationsverhaltens entstehen.

Die American Library Association empfiehlt daher, den Zugriff auf Aufnahmen auf das für Sicherheitszwecke notwendige Minimum zu begrenzen und transparent zu erklären, ob Bilder live beobachtet, gespeichert oder weitergegeben werden.

Informationskompetenz schließt Überwachungskompetenz ein

Informationskompetenz bedeutet nicht nur, Quellen zu prüfen und Informationen einzuordnen. Menschen müssen zunehmend auch verstehen, welche Informationen über sie selbst entstehen, wenn sie digitale und öffentliche Räume nutzen.

Open Libraries stehen nicht grundsätzlich im Widerspruch zum Schutz der Privatsphäre. Sie benötigen aber nachvollziehbare, verhältnismäßige und transparente Sicherheitskonzepte. Automatisierte Gesichtserkennung, Verhaltensanalysen oder Bewegungsprofile sollten besonders kritisch geprüft und nicht allein deshalb eingesetzt werden, weil die Technik verfügbar ist.

Die technische Machbarkeit ist noch keine ausreichende Begründung für einen Einsatz. Gerade Bibliotheken müssen Sicherheit, Privatsphäre, Informationsfreiheit und einen möglichst offenen Zugang sorgfältig miteinander abwägen.

Quellen