KI-Praxisradar · Newsletter #4
Jugendliche und KI, die eigene Stimme beim Schreiben, digitale Teilhabe und Software, die am Abo-Modell sägt.

KI-Praxisradar #4: KI im Alltag – wer behält den Überblick?

Hallo zusammen,

KI gehört für viele Menschen inzwischen zum Alltag. Jugendliche recherchieren damit, Texte werden sprachlich geglättet, und mit KI entwickelte Programme machen etablierten Softwareanbietern Konkurrenz. Die Technik ist also beschäftigt. Bei der Einordnung sollten wir gelegentlich mithalten.

In dieser Ausgabe geht es deshalb um vier Fragen: Wer begleitet Jugendliche bei ihrer KI-Nutzung? Wie bleibt beim Schreiben die eigene Stimme erhalten? Was braucht echte Teilhabe? Und was passiert, wenn Automatisierung auch die Geschäftsmodelle der Softwarebranche erreicht?

Vier Themen, die ich besonders wichtig finde

1. Die Jugendlichen nutzen KI längst. Wer begleitet sie dabei?

Eine finnische Befragung meldet: 78 Prozent der befragten Elf- bis 17-Jährigen nutzen KI. Auch aus Deutschland liegen deutliche Zahlen vor: In der JIM-Studie 2025 geben 91 Prozent der befragten Zwölf- bis 19-Jährigen an, mindestens eine KI-Anwendung zu nutzen. Unterschiedliche Altersgruppen, Zeitpunkte und Fragen machen daraus allerdings keinen Länderwettbewerb.

Die pädagogische Frage lautet: Wie wird die Nutzung begleitet? Gemeinsam Antworten prüfen, Quellen verfolgen und über persönliche Daten sprechen – dafür braucht es praktische Gelegenheiten. Bibliotheken, Schulen und Jugendarbeit können solche Räume schaffen. Die Anbieter bleiben für die Gestaltung ihrer Produkte verantwortlich.

Zum Artikel: Die Jugendlichen nutzen KI längst. Wer begleitet sie dabei?

2. Gut formuliert – aber klingt das noch nach mir?

„Bitte sprachlich überarbeiten“ ist schnell eingegeben. Danach liest sich der Text flüssiger. Manchmal klingt er allerdings auch so, als hätte eine Kommunikationsabteilung vorsorglich sämtliche persönlichen Eigenheiten entfernt.

Eine Untersuchung liefert Hinweise darauf, dass KI-Überarbeitungen Schreibweisen angleichen können. Sie belegt weder einen allgemeinen Sprachverfall noch, dass wir durch KI alle gleich denken. Untersucht wurden englische Texte und bestimmte Modelle.

Ich nutze KI selbst, um meinen Schreibstil zu vereinheitlichen. Anschließend ergänze, verändere und streiche ich Passagen. Entscheidend bleibt für mich: Wird mein Gedanke verständlicher – oder verändert die Überarbeitung auch gleich meine Haltung?

Zum Artikel: Gut formuliert – aber klingt das noch nach mir?

3. Zugang zu ChatGPT ist noch keine Teilhabe

Ein kostenloses Konto ist ein Anfang. Ob Menschen KI sinnvoll einsetzen und beurteilen können, hängt aber auch von Wissen, Zeit, Unterstützung und den verfügbaren Werkzeugen ab.

Der KI-Forscher Andrej Karpathy beschreibt dazu eine wachsende Kluft zwischen unterschiedlichen Formen der Nutzung. Seine Zahlen sind grobe Schätzungen, keine belastbare Weltstatistik. Die Frage dahinter lohnt trotzdem: Wer bekommt Gelegenheit, Fähigkeiten und Grenzen leistungsfähiger Systeme kennenzulernen?

Für Bildungseinrichtungen heißt das auch, den eigenen Mitarbeitenden Lernzeit zu ermöglichen. „Probiert das nebenbei mal aus“ ist als Fortbildungskonzept bemerkenswert platzsparend. Viel mehr spricht allerdings selten dafür.

Zum Artikel: Die neue KI-Kluft

4. ArtCraft: Wenn die Automatisierung beim Abo-Modell ankommt

ArtCraft verspricht mit KI entwickelte, offene Alternativen zu bekannten Kreativprogrammen. Darin steckt eine kleine Ironie: Die Softwarebranche verkauft Automatisierungswerkzeuge – und solche Werkzeuge erleichtern nun auch den Aufbau von Konkurrenz.

Offener Quellcode kann mehr Kontrolle und Unabhängigkeit ermöglichen. Unsere Einordnung betrachtet zugleich den frühen Entwicklungsstand, offene Rechtsfragen und den Aufwand für Pflege und Support. Ein vertraut aussehendes Programm muss sich im Alltag erst bewähren. Spätestens beim Wiederöffnen der gespeicherten Datei wird aus dem Geschäftsmodell wieder eine sehr praktische Frage.

Zum Artikel: ArtCraft – wenn KI am Geschäftsmodell ihrer Branche sägt

Ein kleiner Praxisimpuls

Nehmt einen kurzen eigenen Text und lasst euch von einer KI einzelne Verbesserungsvorschläge machen. Vergleicht anschließend: Was ist verständlicher geworden? Was klingt fremd? Und wo wurde aus einer vorsichtigen Aussage plötzlich eine Gewissheit?

Das eignet sich für eine Teamsitzung genauso wie für eine Schreibwerkstatt. Dafür reichen wenige Absätze ohne vertrauliche Inhalte. Interessant wird die gemeinsame Begründung, welche Vorschläge übernommen werden.

Ein Termin zum Vormerken: JIM-Studie 2026

Die neue JIM-Studie soll am 13. November vorgestellt werden. Ich bin gespannt, welche weiteren Zahlen sie zur KI-Nutzung Jugendlicher in Deutschland liefert. Die JIM-Studienreihe des mpfs ist generell eine gute Anlaufstelle für alle, die sich mit jugendlichem Medienverhalten beschäftigen. Dort sind auch die bisherigen Ausgaben frei zugänglich.

In Planung: flexibler lernen, bei Interesse vertiefen

Den Kurs „90 Minuten KI-Kompetenz“ möchte ich übersichtlicher, leichter bedienbar und flexibler nutzbar gestalten. Der kompakte Einstieg bleibt erhalten. Künftig sollen zusätzliche Inhalte ermöglichen, einzelne Themen nach Interesse zu vertiefen. Wie weit man einsteigt, entscheidet jede Person selbst. Dabei soll der Kurs weiterhin möglichst datensparsam bleiben.

Welche KI-Fragen begegnen euch gerade im Alltag? Antwortet gern auf diesen Newsletter. Mich interessiert besonders, wo verständliche Einordnung oder konkrete Unterstützung fehlt.

Beste Grüße

Andreas

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